Liebe Pfadfinder und Pfadfinderinnen,
Liebe Gildenfreunde!
die verheerenden Waldbrände in Spanien, Frankreich und jetzt auch in Griechenland und der Türkei hinterlassen tiefe Spuren. Menschen haben innerhalb kürzester Zeit ihr Zuhause, ihre Sicherheit und viele liebgewonnene Erinnerungen verloren. Leider sind auch unter den Betroffenen unsere Pfadfinder-schwestern und -Brüder – Menschen, mit denen uns dieselben Werte verbinden:
Gemeinschaft, Hilfsbereitschaft und das Versprechen, füreinander da zu sein. Gerade in solchen Momenten zeigt sich, was es bedeutet, Teil einer weltweiten Pfadfinder:innenfamilie zu sein. Grenzen verlieren an Bedeutung, wenn Mitgefühl und Zusammenhalt gefragt sind. Mehr werdet ihr noch ein wenig später von Andrea erfahren.
So habe ich mir überlegt, über was ich beim heutigen SCOUTING SUNRISE zu euch sprechen möchte, und entschied mich zu folgenden Thema:
Ein neuer Anfang, jeden Tag
zwischen MOTIVATION und VERBINDLICHKEIT
Vor 119 Jahren, am 1. August 1907, begann auf einer kleinen Insel im Süden Englands etwas, dessen Tragweite damals niemand erahnen konnte. Auf „Brownsea Island“ versammelte BiPi zwanzig Buben aus unterschiedlichen sozialen Schichten zu einem Experiment. Sie lernten z.B. auch „Feuer zu machen“, Spuren zu lesen, Verantwortung zu übernehmen und vor allem als Gemeinschaft zu leben.
Doch eigentlich ging es um viel mehr:
Es ging darum, junge Menschen von eben diesen „unterschiedlichen sozialen Schichten“ zu befähigen, ihren Platz in der Welt zu finden und sie zu ermutigen, diese Welt ein Stück besser zu hinterlassen, als sie sie vorgefunden haben.
Aus diesem kleinen Lager entstand die größte Jugendbewegung der Welt. Bis heute erinnern sich mehr als 77Mio. Pfadfinderinnen und Pfadfinder überall auf der Welt an diesen Anfang, quasi an die Sternstunde der Pfadfinderei mit diesem besonders schönen Ritual, Scouting Sunrise.
Wie wir hier, treffen sich Menschen zum Sonnenaufgang in vielen Ländern rund um den Globus, um bewusst an dem Beginn der Pfadfinderbewegung zu denken. Die dabei aufgehende Sonne soll uns daran erinnern, dass jeder Tag ein neuer Anfang ist und dass jede Generation von uns die Aufgabe hat, die Idee des uns so wichtigen “Scoutings” weiterzutragen.
Die Sonne geht jeden Morgen auf – unabhängig davon, wie dunkel die Nacht war. Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieses Rituals.
Wir alle kennen, erleben oder erlebten Zeiten, in denen uns vielleicht die Motivation und die Freude und Selbstverständlichkeit verlässt. Es gibt Jahre und Zeiten, in denen Gruppen und Gilden kleiner werden, sogar zusperren. Verantwortung auf immer weniger Schultern lastet und Engagement selbstverständlich erwartet, aber nur selten selbstverständlich geleistet wird.
Wer von uns kennt das nicht?
Da fühlt es sich vielleicht manchmal an wie bei einem Fußballspiel, bei dem der Gegner ein Tor nach dem anderen erzielt. Kaum haben wir, auch als Mannschaft einen Rückschlag, ein Goal verarbeitet, folgt schon das nächste Tor. In Form von
- Mitglieder hören auf,
- Veranstaltungen müssen abgesagt werden,
- neue Ideen finden keine Echo, sondern werden oft nur noch angeprangert,obwohl es keine anderen Vorschläge gibt.
Wirklich konstruktive Kritik, Feedback und Rückmeldung wird zur Mangelware und zieht so richtig runter. Diverse politische Strömungen sind dabei gerade so etwas von unangenehm beispielgebend. Und dann noch div. Hiobsbotschaften aufeinanderfolgend. Krieg hier und dort, und z.B. die Elementareinwirkungen durch die ungeheuerlichen Brände, wie zu Anfang angesprochen.
Irgendwann stellt man sich dann laut die Frage: Lohnt sich das alles überhaupt noch?
Gerade dann aber zeigt sich der Unterschied zwischen Motivation und Verbindlichkeit.
- Motivation ist ein wunderbarer Anfang.
- Sie begeistert erstmal für den Start,
- zu Beginn für ein Projekt oder eine neue Aufgabe.
Aber Motivation ist wie das Wetter – sie wechselt. Verbindlichkeit dagegen ist eine Entscheidung.
- Sie bedeutet, zu kommen, obwohl es regnet.
- Sie bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, obwohl
gerade niemand applaudiert.
- Sie bedeutet, ein überlegtes und doch fast bedingungsloses JA zu einer Sache.
- Sie bedeutet, das Versprechen ernst zu nehmen, das wir mit unserem Pfadfinderversprechen schon so oft gegeben haben.
Und genau daraus entsteht ein Selbstverständnis. Nämlich das Selbstverständnis der Zugehörigkeit.
Pfadfinder:In sein ist keine Freizeitbeschäftigung, die man nach Belieben an- und ausschaltet. Pfadfinder:In sein bedeutet, Teil einer weltweiten Gemeinschaft zu sein, die auf Vertrauen, Hilfsbereitschaft und gegenseitigem Respekt hinsichtlich unserer Unterschiedlichkeit und Diversität aufgebaut ist.
Für uns Gildepfadfinder gibt es noch ein anders Selbstverständnis. Wir tragen die Glut gerne weiter und sammeln kleine vorhandene Flammen, damit sie zu einem neuen, aber KONTROLLIERTEN Feuer werden.
Wohlgemerkt zu einem kontrollierten Feuer, denn Feuer kann nicht nur erhellend und wärmend sein, sondern wie wir soeben erfahren, vernichtend und zerstörerisch. Aber im Feuer machen sollten wir Pfadfinder uns sowieso alle auskennen.
Wir Gildepfadfinder stehen nicht mehr jede Woche wie die Leiter und Leiterinnen der PPÖ, mit den Kindern und Jugendlichen im Heim, oder fahren mehrmals im Jahr mit ihnen auf Lager. Aber,
- Wir bewahren Werte,
- Wir unterstützen die aktive Arbeit der Leiter*innen
- Wir geben, wenn gewollt, unsere Erfahrungen gerne weiter, obwohl wir wissen, dass jetzt andere Zeiten sind.
- Wir verstehen und sehen uns als Brückenbauer zwischen den Generationen.
- Wir erinnern daran, woher wir kommen, und
- Wir helfen mit, den Weg in die Zukunft offen zu halten.
Dabei dürfen wir nie vergessen:
Gemeinschaft lebt nicht von den Menschen, die alles perfekt machen. Sie lebt von den Menschen, die bleiben.
- Von jenen, die nach einer Enttäuschung wieder aufstehen.
- Von denen, die nach einer Niederlage wieder anpacken.
- Von denen, die nicht fragen: „Warum macht niemand etwas?“, sondern sagen: „Ich beginne.“
„Brownsea Island“ war kein perfektes Lager. Es war ein Anfang.
Auch wir brauchen heute keine perfekten Bedingungen. Es braucht aber Menschen, die bereit sind, immer wieder neu anzufangen. Darum ist Scouting Sunrise weit mehr als eine schöne Tradition. Es soll uns daran erinnern,
- dass nach jeder Nacht ein neuer Morgen kommt.
- nach jedem Rückschlag gibt es eine neue Chance.
- nach jeder Enttäuschung können wir erneut Mut fassen.
Und vielleicht beginnt Veränderung nicht mit großen Programmen oder spektakulären Erfolgen. Vielleicht beginnt sie damit, dass jeder Einzelne von uns heute beschließt:
ICH bleibe.
ICH übernehme Verantwortung.
ICH bin da.
Nicht, weil es einfach ist.
Nicht, weil es bequem ist.
Sondern, weil ich Pfadfinder*in bin.
Denn am Ende werden wir nicht daran gemessen, wie oft uns unsere Bewegung, der Verein oder das Leben, uns zu Boden geschickt hat. Sondern daran, wie oft wir gemeinsam wieder aufgestanden sind und JA gesagt haben.
So wie die Sonne seit jenem 1.August 1907 jeden Morgen über Brownsea Island aufgegangen ist, möge sie auch in unseren Herzen immer wieder neu aufgehen
- als Zeichen der Hoffnung,
- der Freundschaft
- und der Verpflichtung gegenüber den Werten des Pfadfindens.
- und am heutigen „SCOUT SCARF day“, am Tag des Halstuches, denkt daran: „macht euch sichtbar“
- tragt euer Halstuch heute, auch wenn es affenheiss ist
- nicht nur aus Motivation, sondern aus Selbstverständnis und Verbindlichkeit
Ich danke für eure Aufmerksamkeit
Euch allen einen „Guten Pfad“
Andreas „Scheferl“ Schefzig
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